24. 02. 2026

Liebe Lena,

es freut mich, dass es Dir so gut geht in Istanbul. Vor allem, dass Dein Einstieg in die Stadt so einfach war. Bei mir war das damals ein bisschen schwieriger. Zunächst gestaltete sich die Wohnungssuche deutlich anstrengender als gedacht. Ich hatte immer noch kein Visum. Und ohne Visum kein Ikamet( Aufenthaltsgenehmigung). Ohne Ikamet konnte man in Istanbul keine Wohnung mieten. Das Visum hatte ich schon vor vielen Wochen in München beantragt und trotz eines Stipendiums vom Deutschen Akademischen Austauschdienst kam und kam es einfach nicht. Ich freue mich deshalb von Dir am Telefon zu hören, das dieses ganze Bürokratie-Prozedere heutzutage leichter ist.

Eigentlich kennst Du ja Istanbul sehr gut, denn Du warst ja schon dort, als du erst 10 Monate alt warst. Danach eigentlich fast jedes Jahr. Das letzte mal glaub ich 2011. Aber auch da warst Du noch sehr klein. Wahrscheinlich erinnerst Du Dich nur noch bruchstückhaft.

Als Du klein warst, hatte ich noch eine Wohnung in Beyoğlu. Besser gesagt eine halbe Wohnung. Die andere Hälfte gehörte Johanna. Wir hatten sie kurz vor unserer Rückkehr nach Deutschland gekauft, um immer wieder in „unsere Stadt“ zurückkehren zu können. So sah es zumindest ich. Johanna verlor schnell das Interesse an der Stadt und verkaufte ihre Hälfte. So hab auch ich meine Hälfte „zwangsverloren“. Es schmerzt noch immer. Du könntest jetzt darin wohnen…..

April 1996

Ich kam zunächst in einer türkischen WG in Cihangir unter. Johanna hatte über Ecken davon gehört. Die WG wollte eigentlich nicht mich, sondern nur das Geld. Dementsprechend unterkühlt behandelten sie mich. Täglich schlich ich mich in die Wohnung in der Hoffnung, niemanden meiner WG- Mitbewohner zu treffen. Meistens gelang mir das auch, aber ich fühlte mich sichtlich unwohl. Dabei waren meine drei Mitbewohner*innen äußerst interessante Menschen. Erkan war Journalist und arbeitete unter anderem auch für deutsche Zeitungen und Ayla hatte ein berühmtes Café in Beyoğlu gegründet, das Anfang der 90er Jahre das erste westlich angehauchte und wunderschön eingerichtete Café in Istanbul war. Dort konnte man draußen sitzen, was damals nicht üblich war und es traf sich dort die Intelligentia, sowie die Comic- und Feministinnenszene Istanbuls. Ayla war selbst engagierte Feministin und lebte mit ihrer Lebensgefährtin in der WG. All das schüchterte mich ein und ich wusste, hier will ich nicht bleiben. Doch wie sollte ich es anstellen? Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Erst traf ich auf der Straße Süreyya, eine Freundin, die ich in einem meiner Sprachkurse kennengelernt hatte. Sie hatte damals einen Türkischkurs gemacht, um ihren Wurzeln näher zu kommen. Ihr Vater war Türke, ihre Mutter Irin. Ihren Vater hatte Süreyya nie kennengelernt, sie war mit ihrer alleinerziehenden Mutter in Hamburg aufgewachsen. Sie liebte Istanbul so fanatisch und uneingeschränkt wie ich und wollte eine Zeit dort leben, um ihr Türkisch zu verbessern und/oder eventuell für immer dort zu bleiben. Seit einiger Zeit schon hielt sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, jobbte als Schlepperin für Teppich-und Schmuckläden im Großen Bazar, in Hotels und als Reiseführerin für deutsche Tourist*innen. Sürreya wohnte am Defterdar Yokuşu in einer feuchten Kellerwohnung und wollte da raus. So beschlossen wir zusammen eine Wohnung zu suchen.

Leider hatte auch Süreyya noch kein Ikamet. Sie wartete seit Monaten darauf. Wir zogen dennoch von Makler zu Makler, besichtigten Wohnungen, tranken Unmengen Çay, verhandelten und waren zum Schluss verzweifelt. Alle Vermieter wollten horrende Preise und zwar ausschließlich in D-Mark oder Dollar. Die Regel in Istanbul war – und das lernten wir schnell – dass anfangs immer ein völlig überzogener Mietpreis berechnet wurde, weil die Inflation täglich die türkische Lira wertloser machte und so die Miete in 6 Monaten auf ungefähr die Hälfte sank. Laut türkischem Gesetz durfte man die Miete aber nur einmal im Jahr erhöhen – um 10 Prozent. Das wussten türkische Mieter und ließen sich deshalb auf die hohen Anfangspreise ein. Wir wussten es jetzt auch und suchten eine Bleibe, die wir in Lira bezahlen durften. Endlich fanden wir eine Wohnung und sie lag auch noch in unserem Wunschbezirk, in Cihangir. 3 Zimmer, Salon, Küche, Bad. Unmöbliert. Wir griffen sofort zu, aber da war noch das Problem mit dem Ikamet. Und wieder kam uns der Zufall zu Hilfe. Am Taksim traf ich Muzaffer, einen türkischen Architekturstudenten, den ich ebenfalls bei einem meiner Sprachaufenthalte kennen gelernt hatte. Er versprach für uns zu bürgen.

Unsere Viermieterin wohnte in Emirgan, einem wunderschönen Bosporus-Dorf auf der europäischen Seite, das für seine Tulpenblüte im Frühling berühmt war. Muzaffer, Süreyya und ich fuhren also dorthin, um die Dame zu treffen. Sie wohnte auf dem Hügel in einem riesigen Haus, das an Disneyland erinnerte. Zwei große vergoldete Löwen säumten die Haustür und auf dem Weg zu ebenjener, der durch den Garten führte, standen rechts und links griechische Statuen, die an Kitsch kaum zu überbieten waren. Zwischen den Sträuchern im Garten versteckten sich einige deutsche Gartenzwerge. Die Hausherrin, die uns die Tür öffnete, sah nicht weniger skurril aus. Ihr lilafarbenes Haar war hoch aufgetürmt und ihre Handgelenke und ihren Hals zierten so viele Ketten und Armbänder, dass man Angst bekam, diese Last könnte die Dame, die zum Glück sehr korpulent war zu Boden drücken. Nachdem wir in den klobigen Sesseln des Wohnzimmers, das ganz im Gelsenkirchener Barock gehalten war – einschließlich röhrender Hirsche an den Wänden – Platz genommen hatten, fingen die Verhandlungen an. Sie wurden teils unerbittlich geführt. Doch nach ca. 7 Çay und zwei Gläsern Whisky (auf türkisch Viski) hatten wir die Wohnung und den Schlüssel. Beglückt fuhren wir mit dem Dolmuş nach Hause. Morgen werden wir sogleich beginnen die Wohnung, unsere Wohnung zu inspizieren und einzurichten.

Die Havyar Sokak in Cihangir von meinem Fenster aus.

Chaos beim Neueinzug…..

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