3.3.2026

Hallo Mama,

Ich sitze gerade in einem winzigen Cay-Garten unter kleinen Bäumchen und schaue auf den Bosporus, während langsam die Sonne untergeht und das Wasser orange färbt. Ich habe diesen Ort erst vor einigen Tagen entdeckt, ihn aber sofort lieben gelernt. Er ist ruhig. So friedlich, dass man den Trubel der Stadt nur allzu leicht vergessen kann. Er bietet einen perfekten Gegenpol zu der sonst so lauten und hektischen Stadt. Anfangs fand ich es befremdlich, wie eine so große Metropole es schafft laut und zugleich ruhig zu sein, aber je länge ich hier bin desto mehr verstehe ich es. Und ich denke, dass es das ist, was die Stadt so einzig artig macht. Die Straßen sind voll, es wird gehupt, geschrien. Doch dazwischen, dazwischen finden sich immer wieder kleine Ruhepole. Wie zum Beispiel der alte Herr, der ein Möbelgeschäft direkt vor meiner Haustür betreibt und jeden Morgen ruhig auf einem kleinen Hocker sitzt, an seiner Zigarette zieht und das hektische Getümmel auf den Straßen beobachtet. Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Geschwindigkeit, in der sich die Stadt bewegt und wenn man es zulässt, kann man sich wie von einer Welle mitreißen lassen. Genau das habe ich die letzten Wochen gemacht, habe mich in das Geschehen gestürzt und so viel erlebt. Ich habe alle möglichen Bars von Beyoğlu bis Cihangir erkundschaftet, habe mit neuen Leuten gesprochen und versucht auf gebrochenem türkisch Bier zu bestellen. Und die Nächte, die Nächte habe ich durchgetanzt. Bis 5 Uhr morgens, denn diese Stadt schläft nie. Auch jetzt noch kann ich nicht verstehen, wo die Energie herkommt, dass eifrige Getümmel des Tages auch in der Nacht aufrecht zu erhalten. Aber in Istanbul ist es möglich. Die Clubs sind so anders als alles, was ich bisher gesehen habe. Anstatt in den Keller zu führen, muss man sich oftmals mehre Stockwerke an kleinen Wendeltreppen entlanghangeln, um die Tanzflächen zu erreichen. Es ist hier so einfach sich ein wenig zu verlieren. Aber seltsamerweise ist es das, was mich so lebendig fühlen lässt. Alles ist eindringlich, bunt, chaotisch. Es gibt keine Grautöne keine Gleichgültigkeit. Du hast mir einmal erzählt, dass man die Stadt entweder liebt oder hasst und genau das beschreibt die Intensität Istanbuls. Und wenn mir die Stadt dann doch einmal zu schnell wird, dann fahre ich gerne mit der Fähre. Von Besiktas nach Kadıköy und wieder zurück. Ich schaue mir dann die Möwen an, wie sie auf der Suche nach Essen hinter den Schiffen herfliegen und die Menschen, die wie ich auf dem Boot sitzen und in die ferne schauen. Dort auf den Fähren findet man die Weite, von der in den engen Gassen, welche sich zwischen den gestapelten Häusern entlangschlängeln so wenig zu sehen ist. Die Einheimischen, mit denen ich rede, lieben diese Stadt, sie sagen, dass sie alles bietet, was man braucht, und ich kann sie verstehen. Ich freue mich so sehr auf die weitere Zeit hier.

  • 12.04.2026

    Liebe Lena,

    nun bist du schon fast zwei Monate in Istanbul und hast Dich, wie ich Deinem Brief entnehmen kann, schon gut eingelebt. Du hast den Istanbul-Vibe voll verstanden wie mir schient. Auch ich fand es immer faszinierend, wie man sich in dieser lauten, hektischen Stadt seine kleinen Ruheinseln schaffen kann. Am Anfang ging ich noch in die Parks oder an den Bosporus dafür. Später konnte ich das auch mitten im Getümmel. Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Frühling, ich saß in einem Café in Beyoğlu und beobachtete einen Straßenkehrer. Er hatte sich eine kleine Kehrschaufel aus einem alten Olivenölkanister gebastelt und da hinein kehrte er gefühlte Stunden jeden Zigarettenstummel und jedes noch so kleine Stäubchen. Er war die Ruhe selbst und schien in seine Arbeit sichtlich versunken zu sein und sie zu genießen. In Deutschland wäre so ein Verhalten damals schlicht unmöglich gewesen, da ging es darum, möglichst schnell fertig zu werden. Ich saß also im Café und schaute ihm zu, bestimmt eine halbe Stunde und merkte, wie ich selbst immer ruhiger und gelassener wurde, mich meinen Gedanken hingeben konnte und weder den Verkehr, der um herum brauste noch die schreienden Straßenhändler hörte. Es war ein wunderbares Gefühl der Ruhe. Auf Türkisch heißt dieses Gefühl „Keyif“ und es ist schon bezeichnend, dass es dafür ein eigenes Wort gibt. Im Deutschen gibt es das nicht. Hier ist heute Ostersamstag und es ist gefühlt das erste Ostern ohne Dich. Das ist schon ein wenig seltsam für mich.

    April 1996

    Langsam richte ich mich in meiner Wohnung in der Havyar Sokak 11 ein. Nicht so einfach, denn ausser einer alten Spiegelkommode , einem Tisch zwei Stühlen und einem Bettgestell war nicht viel in der Wohnung. Auf der Suche nach Möbeln in meiner Abstellkammer, stieß ich auf Nackfotos aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Es waren Stereofotografien und für mich hochinteressant, da ich ja meine Magisterarbeit über eine Photographenfirma in Istanbul geschrieben habe, die bis in die 1920-er Jahre tätig war und sich auch meine Doktorarbeit mit Photographie beschäftigt.

    Außer den Fotos und einer Türkeifahne, die ich gleich an die Wand hing, damit diese nicht so leer wirkte, war nichts da, nicht einmal Besteck. So machte ich mich auf den Weg, diese Dinge zu besorgen. Und das möglichst billig, da ich ja nur ein Jahr bleiben wollte und die Sachen dann dort entweder zurücklassen oder entsorgen musste. Ich kaufte Blechbesteck und die billigsten Töpfe auf dem Sali Pazari in Kadiköy, einem Markt, der dort seit Jahrzehnten jeden Dienstag stattfindet. Zwei Matratzen und dicke Sitzkissen ließ ich mir von einem Polsterer aus der Nachbarschaft nähen und ein altes k….braunes Sofa fand ich bei den Eskicis (Gebrauchtmöbelhändler) in Cukurcuma. Mit einem bunten Tuch als Überwurf war das Sofa einigermaßen ansehnlich. Es war alles superbillig und nicht schön, aber zweckmäßig. Dort fand ich auch einen gebrauchten Kühlschrank, den mir ein alter Lastenträger, dessen Rücken vom vielen Tragen so krumm war, dass er sich nicht mehr ganz aufrichten konnte, in die Wohnung trug. Ich gab ihm reichlich Trinkgeld, schämte mich aber in Grund und Boden. Damit die Wände nicht so kahl aussahen, klaute ich in Kneipen Plakate. Es war alles provisorisch zusammengewürfelt, aber ich fühlte mich wohl.

    Das größte Problem war der Strom. Es gab zwar Leitungen, Steckdosen und Anschlüsse für Lampen, sprich lose Kabel, die von der Decke baumelten aber keine Glühbirnen und Fassungen. Mein Freund Muzaffer versprach mir die Glühbirnen zu installieren, also machten wir uns auf den Weg, um Fassungen und Lüsterklemmen zu besorgen. Das war leichter gesagt als getan. Für alle Haushaltsdinge gibt es in Istanbul spezielle Viertel. Heißt es gibt ein Vorhangviertel beim Aquädukt, ein Sanitärviertel in Karaköy und eben auch ein Lampenviertel. Es befand sich hinter dem Tünel Richtung Galataturm. Dort reihte sich ein Lampenladen neben dem anderen. Es blinkte in allen Farben, es gab Lampen und Zubehör in allen Ausführungen. Mir bleibt es nach wie vor ein Rätsel, inwiefern das eine gute marktwirtschaftliche Strategie ist, wenn alle Läden die gleichen Produkte verkaufen, aber wahrscheinlich kommt das noch aus der Basartradition. Dort sind ja auch einzelne Straßen, bestimmten Gütern gewidmet, also die Lederstraße, die Goldstraße usw.

    Muzaffer und ich gingen also in den ersten Laden und fanden dort sofort Fassungen und Glühbirnen. Das Problem waren die Lüsterklemmen. In meinem Deutsch-Türkisch Lexikon, das ich immer bei mir führte, war das Wort „Lüsterklemme“ nicht verzeichnet und auch Muzaffer – obwohl selbst Türke – wusste nicht was Lüsterklemme auf Türkisch heißt. Es war auch eigentlich nicht nötig, denn im Gegensatz zu Deutschland sind hier in der Türkei Handwerker so billig, dass niemand auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, Lampen selbst anzubringen. Daher auch keine Baumärkte. In der Hürriyet hatte ich gelesen, das wohl ein „Bauhaus“ eröffnet hatte, das aber war in einem weit entfernten Stadtviertel und allein die Hinfahrt hätte mich ein Vermögen gekostet, was in keinerlei Relation zum Preis von ein paar Lüsterklemmen gestanden hätte.

    Im Laden im Lampenviertel nahe dem Galataturm wurde es jedenfalls ein lustiger Nachmittag. Muzaffer versuchte mit Worten, ich mit Händen und Füßen zu erklären was wir brauchten. Der Händler verstand uns einfach nicht. Nach mehreren Cays und viel Gelächter, fiel mir dann ein, ihm eine Lüsterklemme aufzumalen und dann verstand er endlich. Wir kauften 100 Lüsterklemmen (es gab sie nur im Pack) und konnten nun endlich die Lampen befestigen. Es wurde langsam wohnlich. Mein Freund Ozan schenkte mir seinen Uralt-Mini Schwarz-Weiß Fernseher, auf dem wir später die EM verfolgten und mit dem wir noch so einige lustige Szenen erlebten. Ich hatte jetzt Strom, einen Fernseher und ein Telefon ( über die komplizierte Anmeldung schweige ich mich aus. Es dauerte knapp drei Wochen, bis ich es in Betrieb nehmen konnte und dann dann fiel es auch gleich zu Boden und die Abdeckung zersprang, aber es war noch nutzbar bis zum Schluss).

    Ach ja und der Strom an sich….. auch das ist eine lange Geschichte. zunächst einmal musste ich den Strom meines Vormieters bezahlen, der sich wohl ohne zu zahlen und ohne eine Anschrift zu hinterlassen, verdrückt hatte. Das sei ein üblicher Vorgang in Istanbul, erklärte mir Muzaffer. Undenkbar in Deutschland. Ich bezahlte und dachte die Stromfrage hätte sich nach dem Bezahlen der Schulden und der Anmeldung beim Elektrizitätswerk – selbstverständlich persönlich- für mich erledigt. Dachte ich….Doch es dauerte ca. zwei Wochen da stand ein Stromableser vor der Tür. Er wolle den Zählerstand ablesen, so seine lapidare Auskunft. Nachdem wir schließlich den Stromzähler gefunden hatten, erwartete mich eine böse Überraschung. Diabolisch grinsend zog der Stromableser eine Sicherheitsnadel aus meinem Zähler und sagte, das wäre ein Grund, mich nun zu verhaften. Ich hätte den Zähler manipuliert, damit er langsamer laufe und das sei in der Türkei eine Straftat. Er würde es aber nicht melden, wenn ich ihm 5000 DM bezahlen würde, die er sich nächste Woche um die gleiche Zeit abholen würde. Zugegeben, ich war verzweifelt. Ich rief Johanna an und erfuhr, dass der Stromableser auch bei Ihr war und einen Magneten am Zähler entdeckt hätte, der das Rotieren der Scheibe ebenfalls verlangsamte.

    Was also tun? Nach langen Überlegungen kamen Johanna und ich zu dem Schluss, das Elektrizitätswerk noch einmal persönlich aufzusuchen, um mit dem dortigen Chef zu sprechen. Wir kauften also Pralinen, zogen unsere nettesten Kleidchen an und wurden dort vorstellig. Man ließ uns auch gleich zum Leiter der Behörde und nachdem wir tränenreich erklärt hatte, das wir Ausländerinnen seien und von diesen Praktiken nichts gewusst hatten und auch keinesfalls ins Gefängnis wollten, regte sich bei ihm wohl der Beschützerinstinkt. Er gab uns seine Karte und sagte, wir sollen ihn, sobald der Stromableser käme, anrufen. Gesagt, getan. Als der Stromableser ein paar Tage später erschien, um das Schweigegeld einzusammeln, sagte ich: „O.K. ich habe das Geld hier, ich rufe nur kurz noch mal Ali Bey vom Elektrizitätswerk an und frage, ob das auch wirklich rechtens ist“. Er wurde blass und begann zu stammeln, während ich zum Telefon ging und ganz ruhig anfing zu wählen. Die Visitenkarte hatte ich vorher gut sichtbar auf den Tisch gelegt. Aber Hanimefendi, das sei doch gar nicht so gemeint gewesen, das sei ein Missverständnis, stotterte er. Ich hätte das völlig falsch verstanden. Er würde selbstverständlich sofort meinen Zähler auswechseln, damit der nächste Stromableser das Sicherheitsnadel-Loch nicht entdeckte. Und das alles umsonst. So kam ich zu einem neuen Zähler und einem neuen Freund im Istanbuler Elektrizitätswerk. Mit dem Strom hatte ich seitdem nie wieder Probleme.

    Anders gestaltete sich die Situation mit der Wasserversorgung. Was ich schnell lernte war, dass in Beyoğlu und Cihangir immer wieder mal das Wasser abgestellt wurde, stundenweise oder gar tageweise. Im Gegensatz zu Johannas Wohnung, hatte meine kein Wasserdepot. Das bedeutete für mich: keine Toilettenspülung, keine Dusche und kein Kaffeewasser. Schnell lernte ich aber, dass das Wasser immer um 4 Uh morgens kam. Ich kaufte also große Kanister und stellte sie in der Badewanne unter den Wasserhahn, der selbstverständlich immer geöffnet war. So hatte ich zumindest Wasser für die Toilettenspülung. Für die Küche bestellte ich Trinkwasser, das man sich in Istanbul in großen Ballons liefern lassen kann. Zum Duschen war es allerdings zu teuer. So konnten Süreyya (sie war in der Zwischenzeit bei mir eingezogen) und ich uns nur mit einem kleinen Kännchen, in das wir aus dem Kanister Wasser füllten, reinigen. Eine langwierige und mühsame Prozedur. Irgendwann fanden wir ein günstiges Hamam in Beşiktaş, das wir fortan einmal wöchentlich immer mittwochs aufsuchten. Tja man gewöhnt sich an alles…. für meine unzähligen Gästen, die die kommenden Monate bei mir nächtigen sollten, war das allerdings hin und wieder ein Problem. Dazu aber später mehr.

    11.2.2026

    Hallo Mama,

    Es ist der 11. Februar 2026 an dem ich das erste Mal seit langer Zeit wieder einen Fuß auf Istanbuler Boden setze. Die Stadt, von der du mir, seit ich klein bin so viel erzählt hast und welche ich selbst als Kind kennenlernen durfte, fühlt sich vertraut, aber zugleich unendlich fremd an. Ich erinnere mich an deine Geschichten, als ich aus dem Flugzeug trete und in einen vollen Flughafenbus steige, der uns zum Ankunft-Sektor des Flughafens bringt. Es ist ein neuer Flughafen. Einen den du noch nicht betreten hast und er steht für mich symbolisch für meine eigene Reise in Istanbul. Ein eigener Anfang, eigene Erinnerungen. Ich bin gespannt auf die Stadt, von der du immer so geschwärmt hast und bin gespannt auf die Erfahrungen, welche ich im nächsten halben Jahr hier machen werde. Während ich in einer unendlich langen Schlange auf die Pass Kontrolle warte, schreibe ich Okyanus. Einer türkischen Freundin oder besser gesagt der Tochter deines guten türkischen Freundes. Sie und ihre Mutter holen mich vom Flughafen ab und ich bin unendlich dankbar, dass sie mir damit die erste große Hürde nehmen: Wie komme ich vom Flughafen zu meiner Wohnung? Für die nächsten Monate werde ich mit Okyanus zusammenwohnen. Der Empfang ist herzlich, wie bei einer vergessen geglaubten Familie. Direkt fühle ich mich ein wenig leichter. Auf dem Weg zu unserer Wohnung fahren wir auf einer riesigen Autobahn in die Stadt. Mir fällt sofort der Verkehr auf. Es ist so voll auf den Straßen, dass sich die Autos nur stockend weiterbewegen können. Viel kann ich noch nicht von der Stadt sehen. Doch der Verkehr gibt Preis, dass ich in einer Metropole gelandet bin. Zielsicher schlängelt sich Burcak (Okyanus Mutter) durch das Istanbuler Verkehrschaos. Je weiter wir in die Stadt vordringen, desto mehr beginnt diese lebendig zu werden. Die Stadt brummt. Es wird gehupt, geschrien, gelacht und Tee getrunken. Es gibt so viel zu sehen, dass ich mich kaum traue zu blinzeln und eine riesige Welle an Vorfreude bahnt sich ihren Weg an die Oberfläche.

  • 24. 02. 2026

    Liebe Lena,

    es freut mich, dass es Dir so gut geht in Istanbul. Vor allem, dass Dein Einstieg in die Stadt so einfach war. Bei mir war das damals ein bisschen schwieriger. Zunächst gestaltete sich die Wohnungssuche deutlich anstrengender als gedacht. Ich hatte immer noch kein Visum. Und ohne Visum kein Ikamet( Aufenthaltsgenehmigung). Ohne Ikamet konnte man in Istanbul keine Wohnung mieten. Das Visum hatte ich schon vor vielen Wochen in München beantragt und trotz eines Stipendiums vom Deutschen Akademischen Austauschdienst kam und kam es einfach nicht. Ich freue mich deshalb von Dir am Telefon zu hören, das dieses ganze Bürokratie-Prozedere heutzutage leichter ist.

    Eigentlich kennst Du ja Istanbul sehr gut, denn Du warst ja schon dort, als du erst 10 Monate alt warst. Danach eigentlich fast jedes Jahr. Das letzte mal glaub ich 2011. Aber auch da warst Du noch sehr klein. Wahrscheinlich erinnerst Du Dich nur noch bruchstückhaft.

    Als Du klein warst, hatte ich noch eine Wohnung in Beyoğlu. Besser gesagt eine halbe Wohnung. Die andere Hälfte gehörte Johanna. Wir hatten sie kurz vor unserer Rückkehr nach Deutschland gekauft, um immer wieder in „unsere Stadt“ zurückkehren zu können. So sah es zumindest ich. Johanna verlor schnell das Interesse an der Stadt und verkaufte ihre Hälfte. So hab auch ich meine Hälfte „zwangsverloren“. Es schmerzt noch immer. Du könntest jetzt darin wohnen…..

    April 1996

    Ich kam zunächst in einer türkischen WG in Cihangir unter. Johanna hatte über Ecken davon gehört. Die WG wollte eigentlich nicht mich, sondern nur das Geld. Dementsprechend unterkühlt behandelten sie mich. Täglich schlich ich mich in die Wohnung in der Hoffnung, niemanden meiner WG- Mitbewohner zu treffen. Meistens gelang mir das auch, aber ich fühlte mich sichtlich unwohl. Dabei waren meine drei Mitbewohner*innen äußerst interessante Menschen. Erkan war Journalist und arbeitete unter anderem auch für deutsche Zeitungen und Ayla hatte ein berühmtes Café in Beyoğlu gegründet, das Anfang der 90er Jahre das erste westlich angehauchte und wunderschön eingerichtete Café in Istanbul war. Dort konnte man draußen sitzen, was damals nicht üblich war und es traf sich dort die Intelligentia, sowie die Comic- und Feministinnenszene Istanbuls. Ayla war selbst engagierte Feministin und lebte mit ihrer Lebensgefährtin in der WG. All das schüchterte mich ein und ich wusste, hier will ich nicht bleiben. Doch wie sollte ich es anstellen? Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Erst traf ich auf der Straße Süreyya, eine Freundin, die ich in einem meiner Sprachkurse kennengelernt hatte. Sie hatte damals einen Türkischkurs gemacht, um ihren Wurzeln näher zu kommen. Ihr Vater war Türke, ihre Mutter Irin. Ihren Vater hatte Süreyya nie kennengelernt, sie war mit ihrer alleinerziehenden Mutter in Hamburg aufgewachsen. Sie liebte Istanbul so fanatisch und uneingeschränkt wie ich und wollte eine Zeit dort leben, um ihr Türkisch zu verbessern und/oder eventuell für immer dort zu bleiben. Seit einiger Zeit schon hielt sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, jobbte als Schlepperin für Teppich-und Schmuckläden im Großen Bazar, in Hotels und als Reiseführerin für deutsche Tourist*innen. Sürreya wohnte am Defterdar Yokuşu in einer feuchten Kellerwohnung und wollte da raus. So beschlossen wir zusammen eine Wohnung zu suchen.

    Leider hatte auch Süreyya noch kein Ikamet. Sie wartete seit Monaten darauf. Wir zogen dennoch von Makler zu Makler, besichtigten Wohnungen, tranken Unmengen Çay, verhandelten und waren zum Schluss verzweifelt. Alle Vermieter wollten horrende Preise und zwar ausschließlich in D-Mark oder Dollar. Die Regel in Istanbul war – und das lernten wir schnell – dass anfangs immer ein völlig überzogener Mietpreis berechnet wurde, weil die Inflation täglich die türkische Lira wertloser machte und so die Miete in 6 Monaten auf ungefähr die Hälfte sank. Laut türkischem Gesetz durfte man die Miete aber nur einmal im Jahr erhöhen – um 10 Prozent. Das wussten türkische Mieter und ließen sich deshalb auf die hohen Anfangspreise ein. Wir wussten es jetzt auch und suchten eine Bleibe, die wir in Lira bezahlen durften. Endlich fanden wir eine Wohnung und sie lag auch noch in unserem Wunschbezirk, in Cihangir. 3 Zimmer, Salon, Küche, Bad. Unmöbliert. Wir griffen sofort zu, aber da war noch das Problem mit dem Ikamet. Und wieder kam uns der Zufall zu Hilfe. Am Taksim traf ich Muzaffer, einen türkischen Architekturstudenten, den ich ebenfalls bei einem meiner Sprachaufenthalte kennen gelernt hatte. Er versprach für uns zu bürgen.

    Unsere Viermieterin wohnte in Emirgan, einem wunderschönen Bosporus-Dorf auf der europäischen Seite, das für seine Tulpenblüte im Frühling berühmt war. Muzaffer, Süreyya und ich fuhren also dorthin, um die Dame zu treffen. Sie wohnte auf dem Hügel in einem riesigen Haus, das an Disneyland erinnerte. Zwei große vergoldete Löwen säumten die Haustür und auf dem Weg zu ebenjener, der durch den Garten führte, standen rechts und links griechische Statuen, die an Kitsch kaum zu überbieten waren. Zwischen den Sträuchern im Garten versteckten sich einige deutsche Gartenzwerge. Die Hausherrin, die uns die Tür öffnete, sah nicht weniger skurril aus. Ihr lilafarbenes Haar war hoch aufgetürmt und ihre Handgelenke und ihren Hals zierten so viele Ketten und Armbänder, dass man Angst bekam, diese Last könnte die Dame, die zum Glück sehr korpulent war zu Boden drücken. Nachdem wir in den klobigen Sesseln des Wohnzimmers, das ganz im Gelsenkirchener Barock gehalten war – einschließlich röhrender Hirsche an den Wänden – Platz genommen hatten, fingen die Verhandlungen an. Sie wurden teils unerbittlich geführt. Doch nach ca. 7 Çay und zwei Gläsern Whisky (auf türkisch Viski) hatten wir die Wohnung und den Schlüssel. Beglückt fuhren wir mit dem Dolmuş nach Hause. Morgen werden wir sogleich beginnen die Wohnung, unsere Wohnung zu inspizieren und einzurichten.

    Die Havyar Sokak in Cihangir von meinem Fenster aus.

    Chaos beim Neueinzug…..

    11.2.2026

    Hallo Mama,

    Es ist der 11. Februar 2026 an dem ich das erste Mal seit langer Zeit wieder einen Fuß auf Istanbuler Boden setze. Die Stadt, von der du mir, seit ich klein bin so viel erzählt hast und welche ich selbst als Kind kennenlernen durfte, fühlt sich vertraut, aber zugleich unendlich fremd an. Ich erinnere mich an deine Geschichten, als ich aus dem Flugzeug trete und in einen vollen Flughafenbus steige, der uns zum Ankunft-Sektor des Flughafens bringt. Es ist ein neuer Flughafen. Einen den du noch nicht betreten hast und er steht für mich symbolisch für meine eigene Reise in Istanbul. Ein eigener Anfang, eigene Erinnerungen. Ich bin gespannt auf die Stadt, von der du immer so geschwärmt hast und bin gespannt auf die Erfahrungen, welche ich im nächsten halben Jahr hier machen werde. Während ich in einer unendlich langen Schlange auf die Pass Kontrolle warte, schreibe ich Okyanus. Einer türkischen Freundin oder besser gesagt der Tochter deines guten türkischen Freundes. Sie und ihre Mutter holen mich vom Flughafen ab und ich bin unendlich dankbar, dass sie mir damit die erste große Hürde nehmen: Wie komme ich vom Flughafen zu meiner Wohnung? Für die nächsten Monate werde ich mit Okyanus zusammenwohnen. Der Empfang ist herzlich, wie bei einer vergessen geglaubten Familie. Direkt fühle ich mich ein wenig leichter. Auf dem Weg zu unserer Wohnung fahren wir auf einer riesigen Autobahn in die Stadt. Mir fällt sofort der Verkehr auf. Es ist so voll auf den Straßen, dass sich die Autos nur stockend weiterbewegen können. Viel kann ich noch nicht von der Stadt sehen. Doch der Verkehr gibt Preis, dass ich in einer Metropole gelandet bin. Zielsicher schlängelt sich Burcak (Okyanus Mutter) durch das Istanbuler Verkehrschaos. Je weiter wir in die Stadt vordringen, desto mehr beginnt diese lebendig zu werden. Die Stadt brummt. Es wird gehupt, geschrien, gelacht und Tee getrunken. Es gibt so viel zu sehen, dass ich mich kaum traue zu blinzeln und eine riesige Welle an Vorfreude bahnt sich ihren Weg an die Oberfläche.

  • Herzlich willkommen in Istanbul

    11. Februar 2026

    Liebe Lena

    heute bis Du in Istanbul angekommen. Alles ist neu, riesig voll, laut, hektisch und vor allem aufregend. Ein halbes Jahr wirst Du in der Stadt bleiben, die zu meiner Stadt wurde und zu einer Art zweiten Heimat für mich. Vor genau 30 Jahren bin ich dort angekommen, mit einem Koffer voller Erinnerungen an meine Münchner Heimat, vor allem an meine WG und meine Studienfreunde, die ich schweren Herzens verlassen habe. Und voller Hoffnungen. Wie Du auch, hatte ich ein Stipendium in der Tasche, in meinem Fall ein DAAD- Promotionsstipendium für die renommierte Bogazici Universität, die ich zwar nicht regelmäßig besuchen musste, deren Bibliothek ich aber nutzen und auch andere Vorteile genießen durfte.

    März 1996

    Heute bin ich in Istanbul angekommen. Die letzten drei Wochen hatte ich mit einer Freundin den Iran und einen Studienfreund von uns besucht, der dort für ein Jahr studierte. Ich war mit den beiden kreuz und quer durchs Land gereist und schließe nun meine Reise hier in Istanbul ab, wo mir ein einjähriges Stipendium die Forschung für meine Doktorarbeit ermöglich soll. Zielsicher durchquere ich den Atatürk Flughafen. den kenn ich zum Glück gut von zwei Sprachkursaufenthalten und einem Praktikum am Goethe-Institut in Istanbul. Dicke, stickige, benzingeschwängerte Luft schlägt mir vor dem Flughafengebäude entgegen, wo aufgereiht eine lange Reihe gelber Taxis auf Kundschaft wartet. Nachdem ich mehrere aufdringliche Gepäckträger und Hotelvermittler erfolgreich abgewehrt habe, gelingt es mir, ein Taxi zu ergattern, das auch bereit ist, den Taxameter einzuschalten. Das hat eher Seltenheitswert am Istanbuler Flughafen, obwohl es wohl schon seit einigen Monaten Pflicht ist, den Taxameter einzuschalten, wie mir ein türkischer Freund in Deutschland erzählt hat. Endlich sitze ich im Taxi und kann mich zurücklehnen. Die erste Hürde ist genommen. das Taxi fährt in einer unglaublichen Geschwindigkeit mit brüllend lauter türkischer Pop-Musik die Küstenstraße am Marmarameer entlang. Das Marmarameer, das ist immer mein erster Eindruck der Stadt, dann rund um die Saraj-Halbinsel und schon kann man den Galataturm sehen. Dort muss ich hin. Auf die andere Seite des Goldenen Horns, nach Cihangir, wo meine Sprachkurs-Freundin Johanna wohnt. Auch sie wird ein Jahr in Istanbul bleiben. Ich kann die erste Nacht bei ihr bleiben bis ich eine Wohnung gefunden habe. Nachdem wir das Goldene Horn über die Atatürkbrücke überquert haben, jagen wir den Tarlabaşi Bulvarı  hinauf und kommen nun endlich nach Cihangir, ein Viertel , das ich gut kenne, da ich während meiner Sprachkursaufenthalte dort gewohnt habe. Kurz vor der Firuzağa Moschee biegen wir rechts ab und haben endlich unser Ziel erreicht. Johanna wohnt im 4. Stock und nach einer herzlichen Begrüßung, heißt es endlich schlafen. Der Tag war lang und aufregend…

    11.2.2026

    Hallo Mama,

    Es ist der 11. Februar 2026 an dem ich das erste Mal seit langer Zeit wieder einen Fuß auf Istanbuler Boden setze. Die Stadt, von der du mir, seit ich klein bin so viel erzählt hast und welche ich selbst als Kind kennenlernen durfte, fühlt sich vertraut, aber zugleich unendlich fremd an. Ich erinnere mich an deine Geschichten, als ich aus dem Flugzeug trete und in einen vollen Flughafenbus steige, der uns zum Ankunft-Sektor des Flughafens bringt. Es ist ein neuer Flughafen. Einen den du noch nicht betreten hast und er steht für mich symbolisch für meine eigene Reise in Istanbul. Ein eigener Anfang, eigene Erinnerungen. Ich bin gespannt auf die Stadt, von der du immer so geschwärmt hast und bin gespannt auf die Erfahrungen, welche ich im nächsten halben Jahr hier machen werde. Während ich in einer unendlich langen Schlange auf die Pass Kontrolle warte, schreibe ich Okyanus. Einer türkischen Freundin oder besser gesagt der Tochter deines guten türkischen Freundes. Sie und ihre Mutter holen mich vom Flughafen ab und ich bin unendlich dankbar, dass sie mir damit die erste große Hürde nehmen: Wie komme ich vom Flughafen zu meiner Wohnung? Für die nächsten Monate werde ich mit Okyanus zusammenwohnen. Der Empfang ist herzlich, wie bei einer vergessen geglaubten Familie. Direkt fühle ich mich ein wenig leichter. Auf dem Weg zu unserer Wohnung fahren wir auf einer riesigen Autobahn in die Stadt. Mir fällt sofort der Verkehr auf. Es ist so voll auf den Straßen, dass sich die Autos nur stockend weiterbewegen können. Viel kann ich noch nicht von der Stadt sehen. Doch der Verkehr gibt Preis, dass ich in einer Metropole gelandet bin. Zielsicher schlängelt sich Burcak (Okyanus Mutter) durch das Istanbuler Verkehrschaos. Je weiter wir in die Stadt vordringen, desto mehr beginnt diese lebendig zu werden. Die Stadt brummt. Es wird gehupt, geschrien, gelacht und Tee getrunken. Es gibt so viel zu sehen, dass ich mich kaum traue zu blinzeln und eine riesige Welle an Vorfreude bahnt sich ihren Weg an die Oberfläche.