12.04.2026
Liebe Lena,
nun bist du schon fast zwei Monate in Istanbul und hast Dich, wie ich Deinem Brief entnehmen kann, schon gut eingelebt. Du hast den Istanbul-Vibe voll verstanden wie mir schient. Auch ich fand es immer faszinierend, wie man sich in dieser lauten, hektischen Stadt seine kleinen Ruheinseln schaffen kann. Am Anfang ging ich noch in die Parks oder an den Bosporus dafür. Später konnte ich das auch mitten im Getümmel. Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Frühling, ich saß in einem Café in Beyoğlu und beobachtete einen Straßenkehrer. Er hatte sich eine kleine Kehrschaufel aus einem alten Olivenölkanister gebastelt und da hinein kehrte er gefühlte Stunden jeden Zigarettenstummel und jedes noch so kleine Stäubchen. Er war die Ruhe selbst und schien in seine Arbeit sichtlich versunken zu sein und sie zu genießen. In Deutschland wäre so ein Verhalten damals schlicht unmöglich gewesen, da ging es darum, möglichst schnell fertig zu werden. Ich saß also im Café und schaute ihm zu, bestimmt eine halbe Stunde und merkte, wie ich selbst immer ruhiger und gelassener wurde, mich meinen Gedanken hingeben konnte und weder den Verkehr, der um herum brauste noch die schreienden Straßenhändler hörte. Es war ein wunderbares Gefühl der Ruhe. Auf Türkisch heißt dieses Gefühl „Keyif“ und es ist schon bezeichnend, dass es dafür ein eigenes Wort gibt. Im Deutschen gibt es das nicht. Hier ist heute Ostersamstag und es ist gefühlt das erste Ostern ohne Dich. Das ist schon ein wenig seltsam für mich.

April 1996
Langsam richte ich mich in meiner Wohnung in der Havyar Sokak 11 ein. Nicht so einfach, denn ausser einer alten Spiegelkommode , einem Tisch zwei Stühlen und einem Bettgestell war nicht viel in der Wohnung. Auf der Suche nach Möbeln in meiner Abstellkammer, stieß ich auf Nackfotos aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Es waren Stereofotografien und für mich hochinteressant, da ich ja meine Magisterarbeit über eine Photographenfirma in Istanbul geschrieben habe, die bis in die 1920-er Jahre tätig war und sich auch meine Doktorarbeit mit Photographie beschäftigt.
Außer den Fotos und einer Türkeifahne, die ich gleich an die Wand hing, damit diese nicht so leer wirkte, war nichts da, nicht einmal Besteck. So machte ich mich auf den Weg, diese Dinge zu besorgen. Und das möglichst billig, da ich ja nur ein Jahr bleiben wollte und die Sachen dann dort entweder zurücklassen oder entsorgen musste. Ich kaufte Blechbesteck und die billigsten Töpfe auf dem Sali Pazari in Kadiköy, einem Markt, der dort seit Jahrzehnten jeden Dienstag stattfindet. Zwei Matratzen und dicke Sitzkissen ließ ich mir von einem Polsterer aus der Nachbarschaft nähen und ein altes k….braunes Sofa fand ich bei den Eskicis (Gebrauchtmöbelhändler) in Cukurcuma. Mit einem bunten Tuch als Überwurf war das Sofa einigermaßen ansehnlich. Es war alles superbillig und nicht schön, aber zweckmäßig. Dort fand ich auch einen gebrauchten Kühlschrank, den mir ein alter Lastenträger, dessen Rücken vom vielen Tragen so krumm war, dass er sich nicht mehr ganz aufrichten konnte, in die Wohnung trug. Ich gab ihm reichlich Trinkgeld, schämte mich aber in Grund und Boden. Damit die Wände nicht so kahl aussahen, klaute ich in Kneipen Plakate. Es war alles provisorisch zusammengewürfelt, aber ich fühlte mich wohl.
Das größte Problem war der Strom. Es gab zwar Leitungen, Steckdosen und Anschlüsse für Lampen, sprich lose Kabel, die von der Decke baumelten aber keine Glühbirnen und Fassungen. Mein Freund Muzaffer versprach mir die Glühbirnen zu installieren, also machten wir uns auf den Weg, um Fassungen und Lüsterklemmen zu besorgen. Das war leichter gesagt als getan. Für alle Haushaltsdinge gibt es in Istanbul spezielle Viertel. Heißt es gibt ein Vorhangviertel beim Aquädukt, ein Sanitärviertel in Karaköy und eben auch ein Lampenviertel. Es befand sich hinter dem Tünel Richtung Galataturm. Dort reihte sich ein Lampenladen neben dem anderen. Es blinkte in allen Farben, es gab Lampen und Zubehör in allen Ausführungen. Mir bleibt es nach wie vor ein Rätsel, inwiefern das eine gute marktwirtschaftliche Strategie ist, wenn alle Läden die gleichen Produkte verkaufen, aber wahrscheinlich kommt das noch aus der Basartradition. Dort sind ja auch einzelne Straßen, bestimmten Gütern gewidmet, also die Lederstraße, die Goldstraße usw.
Muzaffer und ich gingen also in den ersten Laden und fanden dort sofort Fassungen und Glühbirnen. Das Problem waren die Lüsterklemmen. In meinem Deutsch-Türkisch Lexikon, das ich immer bei mir führte, war das Wort „Lüsterklemme“ nicht verzeichnet und auch Muzaffer – obwohl selbst Türke – wusste nicht was Lüsterklemme auf Türkisch heißt. Es war auch eigentlich nicht nötig, denn im Gegensatz zu Deutschland sind hier in der Türkei Handwerker so billig, dass niemand auch nur auf den Gedanken gekommen wäre, Lampen selbst anzubringen. Daher auch keine Baumärkte. In der Hürriyet hatte ich gelesen, das wohl ein „Bauhaus“ eröffnet hatte, das aber war in einem weit entfernten Stadtviertel und allein die Hinfahrt hätte mich ein Vermögen gekostet, was in keinerlei Relation zum Preis von ein paar Lüsterklemmen gestanden hätte.
Im Laden im Lampenviertel nahe dem Galataturm wurde es jedenfalls ein lustiger Nachmittag. Muzaffer versuchte mit Worten, ich mit Händen und Füßen zu erklären was wir brauchten. Der Händler verstand uns einfach nicht. Nach mehreren Cays und viel Gelächter, fiel mir dann ein, ihm eine Lüsterklemme aufzumalen und dann verstand er endlich. Wir kauften 100 Lüsterklemmen (es gab sie nur im Pack) und konnten nun endlich die Lampen befestigen. Es wurde langsam wohnlich. Mein Freund Ozan schenkte mir seinen Uralt-Mini Schwarz-Weiß Fernseher, auf dem wir später die EM verfolgten und mit dem wir noch so einige lustige Szenen erlebten. Ich hatte jetzt Strom, einen Fernseher und ein Telefon ( über die komplizierte Anmeldung schweige ich mich aus. Es dauerte knapp drei Wochen, bis ich es in Betrieb nehmen konnte und dann dann fiel es auch gleich zu Boden und die Abdeckung zersprang, aber es war noch nutzbar bis zum Schluss).

Ach ja und der Strom an sich….. auch das ist eine lange Geschichte. zunächst einmal musste ich den Strom meines Vormieters bezahlen, der sich wohl ohne zu zahlen und ohne eine Anschrift zu hinterlassen, verdrückt hatte. Das sei ein üblicher Vorgang in Istanbul, erklärte mir Muzaffer. Undenkbar in Deutschland. Ich bezahlte und dachte die Stromfrage hätte sich nach dem Bezahlen der Schulden und der Anmeldung beim Elektrizitätswerk – selbstverständlich persönlich- für mich erledigt. Dachte ich….Doch es dauerte ca. zwei Wochen da stand ein Stromableser vor der Tür. Er wolle den Zählerstand ablesen, so seine lapidare Auskunft. Nachdem wir schließlich den Stromzähler gefunden hatten, erwartete mich eine böse Überraschung. Diabolisch grinsend zog der Stromableser eine Sicherheitsnadel aus meinem Zähler und sagte, das wäre ein Grund, mich nun zu verhaften. Ich hätte den Zähler manipuliert, damit er langsamer laufe und das sei in der Türkei eine Straftat. Er würde es aber nicht melden, wenn ich ihm 5000 DM bezahlen würde, die er sich nächste Woche um die gleiche Zeit abholen würde. Zugegeben, ich war verzweifelt. Ich rief Johanna an und erfuhr, dass der Stromableser auch bei Ihr war und einen Magneten am Zähler entdeckt hätte, der das Rotieren der Scheibe ebenfalls verlangsamte.
Was also tun? Nach langen Überlegungen kamen Johanna und ich zu dem Schluss, das Elektrizitätswerk noch einmal persönlich aufzusuchen, um mit dem dortigen Chef zu sprechen. Wir kauften also Pralinen, zogen unsere nettesten Kleidchen an und wurden dort vorstellig. Man ließ uns auch gleich zum Leiter der Behörde und nachdem wir tränenreich erklärt hatte, das wir Ausländerinnen seien und von diesen Praktiken nichts gewusst hatten und auch keinesfalls ins Gefängnis wollten, regte sich bei ihm wohl der Beschützerinstinkt. Er gab uns seine Karte und sagte, wir sollen ihn, sobald der Stromableser käme, anrufen. Gesagt, getan. Als der Stromableser ein paar Tage später erschien, um das Schweigegeld einzusammeln, sagte ich: „O.K. ich habe das Geld hier, ich rufe nur kurz noch mal Ali Bey vom Elektrizitätswerk an und frage, ob das auch wirklich rechtens ist“. Er wurde blass und begann zu stammeln, während ich zum Telefon ging und ganz ruhig anfing zu wählen. Die Visitenkarte hatte ich vorher gut sichtbar auf den Tisch gelegt. Aber Hanimefendi, das sei doch gar nicht so gemeint gewesen, das sei ein Missverständnis, stotterte er. Ich hätte das völlig falsch verstanden. Er würde selbstverständlich sofort meinen Zähler auswechseln, damit der nächste Stromableser das Sicherheitsnadel-Loch nicht entdeckte. Und das alles umsonst. So kam ich zu einem neuen Zähler und einem neuen Freund im Istanbuler Elektrizitätswerk. Mit dem Strom hatte ich seitdem nie wieder Probleme.
Anders gestaltete sich die Situation mit der Wasserversorgung. Was ich schnell lernte war, dass in Beyoğlu und Cihangir immer wieder mal das Wasser abgestellt wurde, stundenweise oder gar tageweise. Im Gegensatz zu Johannas Wohnung, hatte meine kein Wasserdepot. Das bedeutete für mich: keine Toilettenspülung, keine Dusche und kein Kaffeewasser. Schnell lernte ich aber, dass das Wasser immer um 4 Uh morgens kam. Ich kaufte also große Kanister und stellte sie in der Badewanne unter den Wasserhahn, der selbstverständlich immer geöffnet war. So hatte ich zumindest Wasser für die Toilettenspülung. Für die Küche bestellte ich Trinkwasser, das man sich in Istanbul in großen Ballons liefern lassen kann. Zum Duschen war es allerdings zu teuer. So konnten Süreyya (sie war in der Zwischenzeit bei mir eingezogen) und ich uns nur mit einem kleinen Kännchen, in das wir aus dem Kanister Wasser füllten, reinigen. Eine langwierige und mühsame Prozedur. Irgendwann fanden wir ein günstiges Hamam in Beşiktaş, das wir fortan einmal wöchentlich immer mittwochs aufsuchten. Tja man gewöhnt sich an alles…. für meine unzähligen Gästen, die die kommenden Monate bei mir nächtigen sollten, war das allerdings hin und wieder ein Problem. Dazu aber später mehr.




























